Samstag, 1. September 2018

Wie Mann von Amsterdam nach Brest kommt.

Ich fange mal von hinten an.

Zunächst ist es hier, zum ersten Mal auf der bisherigen Strecke, wieder wärmer und das Klima merklich milder. In der Tendenz also positiv und damit ist endlich auch mal (ein) Sinn bei der ganzen Sache zu erkennen :-).

Dann bestätigt(e) sich, was ich bereits zur Überführung in 2017 schrieb:
Oft stimmen die Wetter und Windvorhersagen leider nicht ausreichend. Am ehesten noch die Temperaturen.
Auf den letzten 550nm gab es t.w. erhebliche Abweichungen
  • in der Windrichtung (erste Etappe bis zum Ärmelkanal um ca. 180°), 
  • der Regenwahrscheinlichkeit (0% haha, auf Höhe von Calais bis in den Kanal schüttete es aus Eimern, ca. 4h lang), 
  • der Windstärke ca.
    • + 10kn zu Beginn des Ärmelkanals und damit Sturm - als scheinbarer Wind, weil von schräg vorn), auf Grund der damit von mir vorgenommenen Kursänderung, glücklicher Weise nur für ca. 2h, allerdings wieder mit entsprechend "Bruch"
    • - 10kn bei Umrundung der Kaps aus dem Kanal heraus in Anfahrt nach Brest, was - trotz des (nicht vorhergesagten) Regens - sehr angenehm war. Sollte das ein Ausgleich sein? Hatte jemand ein schlechtes Gewissen?
"Bruch" gab es also auch wieder. Das Code D (sehr großes Vorwindsegel, wird noch vor dem Vorsegel stehend, bei Nichtgebrauch aufgerollt, und) sollte (dabei) immer schön straff gehalten werden, damit sich keine Angriffsfläche für den Wind bietet. Das gelingt, ist man allein/ Einhand unterwegs, naturgemäß nicht befriedigend.
Kaum hatte der Wind im Eingang zum Ärmelkanal also schlagartig zugenommen und ich mich für die Kursänderung in den Windschatten/ zur englischen Südküste entschieden, also gegen den Wind gedreht, nahm der scheinbare Wind noch weiter (in Böen t.w. auf Sturmstärke/ ca. 35kn) zu. Sofort nutzte sich dieser die erste Gelegenheit, in die Wicklungen des Segels zu greifen. Schlagartig fing es laut an zu schlagen. Das Code D wickelte sich ca. 50cm aus, damit flatterte es noch stärker und riss, ohne zu zögern, am Liek um ca. 80cm ein. So schnell konnte ich das Boot gar nicht wieder vor den Wind drehen. Das musste ich nun aber zu Ende bringen, um das Code D vorsorglich ganz zu bergen.

Lustiger war dann schon das plötzliche, selbsttätige Lösen der Dirk.
Wer ist "der" Dirk? Eine achterliche Leine, mit der das Ende des Großbaums in der Höhe verändert und fixiert werden kann und (zum Reffen und Setzen) muss.
Wenn man also mitten auf der Nordsee ist, die Sonne zwar scheint, aber noch ordentliche Welle vom Vortag für Dauerschwanken sorgt und dann plötzlich das Ende der Dirk ca. 5m über dem Großbaum belustigt hin und herschwingt, ist der Skipper weniger fröhlich.
Muss ich jetzt am Mast hoch? Wie kann ich verhindern, dass die Dirk noch weiter hochrutscht?
Und, die wichtigste Frage, wie bekomme ich diesen schwarzen Tampen wieder dahin wo er hingehört? Denn wenn das nicht gelingt, kann das Großsegel nicht weiter verwendet werden, ohne weiteren "Bruch" zu produzieren.
Kurz gesagt, letztlich habe ich die Leine mit einer anderen Leine (Reffleine, welche am Achterliek des Großsegels für das 3./ letzte Reff bei Sturm, ständig geführt wird) lassolike (cooles Wort, oder?) eingefangen und wieder heruntergezogen.
Damit war dann zwar das Ende der Reffleine (da ich diese zu weit herausgezogen hatte) in den Großbaum gerutscht, so dass ich sie dort nicht mehr greifbar war, dass konnte ich aber relativ einfach und schnell klären.

Dann waren da noch Motorprobleme (Keilriemen verschlissen und (davon unabhängig) kein Kühlwasser/ Verdacht auf Impellerdefekt) sowie russische Kälte (Heizung musste oft eingeschaltet werden, schließlich ist der August ja schon zu Ende).
Kleinigkeiten.

Heute haben wir Brest besichtigt. Es wurde im 2. WK fast komplett zerstört, was deutlich zu sehen ist.
Morgen wollen wir das Sommerwetter nutzen, um Camaret (Halbinsel mit kleinem Hafen, südlich gegenüber Brest) zu besuchen.
Am Montag werden wir das Segel zu einem Segelmacher geben und dafür die Marina (das ist keine russische Frau) wechseln.
Und daaaan werden wir uns die Biskaya bzw. französische Westküste vornehmen.
Bruch sollte es nun (schon statisisch) zunächst nicht mehr geben.
Aber wer weiß. Dr. Alzheimer und Prof. Demenz sind schließlich auch mit an Bord.




Achso. Was ich eigentlich nur schreiben wollte:
Auf dieser Strecke betrugt die Motornutzung "nur" ca. 50% der Gesamtzeit.
Na das ist doch mal eine deutliche Verbesserung.

1 Kommentar:

  1. Um den üblichen Spruch mal etwas abzuwandeln: Traue keinem Wetterbericht, wenn du ihn nicht selbst verfasst hast...�� bzw. das Wetter selbst erlebt hast.
    Gute Erholung, weniger Bruch und liebe Grüsse auch an die beiden mitreisenden Doctores und Tante Biskaya.
    Thorsten

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