Bisher läuft alles gut.
Ab und zu Delfinbesuch, meistens mäßiger Wind von achtern oder querab.
Lediglich die Windvorhersage verschlechtert sich gerade rapide.
Es sind nun 30 Knoten anstatt 15kn angesagt.
Es werden in Böen sicher mehr Wind und ordentlich Seegang sein. Da möchte ich nicht auf dem Deck und dem Dach herumturnen.
Also habe ich schon das 3. Reff im Großsegel eingebunden und das Vorsegel verkleinert.
Noch weht es mit nur ca. 20 Knoten und ich "warte" (bei ca. 8kn Fahrt:-).
Der Starkwind sollte vor ca. einer Stunde bei mir sein. Der Luftdruck ist bereits unter 1000 hPa gefallen.
Dann ist er da. Und zwar aus heiterem Himmel.
Wie eine Wand kommt er angefegt.
Sofort schießt Croix du Sud los, beschleunigt auf deutlich über 10kn Dauergeschwindigkeit.
Das Meer kocht von jetzt auf gleich. Noch ist die See nicht hoch.
Aber Sie baut sich auf. Es weht jetzt schon mit 35kn, in Böen mit ca. 40.
Der Katamaran macht nun um die 13 Knoten, im Surf mehr (beide Segel im 3. Reff, auf Vorwind- bzw. leichtem Raumschotkurs).
Allerdings setzt nun die Dämmerung ein, die Wellen beginnen über Kreuz zu laufen und Höhen von bis zu ca. 8m aufzubauen. Da sie relativ lang sind (ca. 8 bis 12 Sekunden), ist das nicht sehr problematisch. Aber wenn die Kämme brechen, kann es ungemütlich werden.
Der Autopilot mag diese Bedingungen nicht und meldet sich immer wieder ab.
Ich steuere also von Hand.
Es ist jetzt dunkel, die Sicht ist sehr schlecht. Noch bin ich fit.
Zunehmend schlagen jetzt Wellen seitlich gegen das Schiff. Dann ergießt sich eine große Fontäne Spritzwasser über mich und ins Cockpit.
Das Wasser läuft schnell ab, steht aber im ersten Moment ca. 15cm hoch. Im Salon bleibt alles trocken und auch sonst ist das Boot dicht.
Meine Füße sind aber schon längst naß und auch die vermeintlich für "Offshore"/ Schwerwetter gedachte Segelbekleidung ist durchnäßt.
Hätte ich die vorher imprägnieren müssen?
Es macht nicht viel Sinn, bei diesen Bedingungen ins dunkle Nichts zu steuern.
Die Wellenkämme erkennt man, wenn überhaupt, viel zu spät.
Der Wind weht jetzt mit ca. 45kn (Sturm) und dreht etwas Richtung West.
Wäre die Sicht besser, die See ohne Kreuzwellen und ich nicht allein, könnte man jetzt gut vor dem Wind Richtung Ziel laufen.
Aber meine Kräfte lassen nach. Mir wird kalt. Ich bin naß und müde.
Daher drehe ich, es ist etwa 2 Uhr morgens, Ortszeit, bei. Dazu stellt man die Segel und das Ruder so ein, dass das Boot mit dem Bug zum Wind zeigt, dann seitlich (mit ca. 2-3kn) driftet und sich diese Position zum Wind selbst stabilisiert.
Der Bug steigt und fällt über die Wellen, es knallt heftig und es rollt wie in einem Einrumpfboot.
Man kann kaum glauben, dass die Konstruktion diese Belastungen lange aushält, aber es zeigen sich keine Risse oder sonstigen Ermüdungserscheinungen. Auch ächzt und knarrt nichts - soweit man bei den erheblichen Windgeräuschen überhaupt etwas anderes hören kann. Aber die unter dem Brückendeck - für den Fall einer Kenterung - gespannten Lifelines vibrieren wie verrückt und übertragen dieses nervende Geräusch an den Rumpf.
Ich schlafe trotz dessen bald ein. Auf der Sitzbank im Salon verkeilt, neben mir der Notfallsack.
Am kommenden Tag erwache ich bei Sonnenschein. Es bläst noch immer mit ca. 40kn. Die See rollt unverändert. Schaumkämme und Gischt überall. Ich bin nicht motiviert, weiter zu segeln. Das Boot liegt relativ stabil. Ich warte.
Meine anfängliche Absicht, mit dem Sturm besonders schnell bei den Azoren anzukommen, ist damit "fortgeweht".
Erst am Abend nimmt der Wind deutlich ab. Fast genauso plötzlich wie er gestern gekommen ist. Ich reffe, vorsichtshalber, erstmal ins 2. Reff aus und gehe wieder auf Kurs Ponta Delgada.
Am darauf folgenden Morgen (16.05.2017), hat der Wind auf Nordost gedreht, weht damit genau von vorn und wird auch immer schwächer.
So brauche ich, nach bereits 12 Tagen, nun mit t.w. Motorhilfe noch 2 weitere Tage bis zur östlichsten Azoreninsel.
Die Vorhersagen (GRIB, GFS global) sind meistens nicht ausreichend genau.
Lediglich die Grundstrukturen und die Tendenzen sind brauchbar und oft korrekt.
Windrichtungen, Gewitterwahrscheinlichkeit, Wellenhöhen, Luftdruck sowie die Temperaturen weichen oft in mäßigem Umfang vom IST ab.
Windstärken, Nebel und Niederschläge können erheblich abweichen.
Auch Erfahrungen müssen verdient werden und sind Geld wert.

Bei uns beginnt nun endlich der Frühling. Ich trage täglich die Koordinaten bei googlemaps ein. Ein Punkt mitten im Blau, der sich sehr langsam von West nach Ost, von den Bermudas auf die Azoren zu bewegt. Besonders das letzte Stück zieht sich. So schwindet das Zeitfenster für einen Azorenbesuch dahin. Meine Maiferien sind vorbei, bevor Stefan in Ponta Delgada sicher landet. Ich feuere über Satelit einmal täglich Durchhalteparolen aufs Boot.
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