Donnerstag, 27. April 2017

Long way back home. Martinique nach Bermuda. 4 Tage + Havarie + 2 Tage Flaute

Ich sitze in Saint Georg´s, Bermuda, auf dem Marktplatz.
Es ist angenehm warm und sonnig. Die Bänke sind gut verschattet.
Alles und (fast) jedermann versuchen, britisch vornehm und korrekt zu sein. Die öffentlichen Flächen und Einrichtungen sind sehr hochwertig und sauber.
Es gibt öffentliches WLAN. For free.

Soeben habe ich die Queen im Rathaus gesehen. Da war sie noch jung und attraktiv.
Ich werde trotz dessen gleich mit Ricarda per facetime sprechen.
Aber ich bin nicht gut drauf.


Vor 6 Tagen. 
Ich habe von Martinique zunächst die Route nach Osten genommen, um dann, mit ungestörten Windverhältnissen auf freier See, Kurs Nord direkt nach Bermuda einzuschlagen.
Es läuft erstaunlich gut. Das Boot macht zwischen 8 und 12 Knoten. Jede Stunde.

Ich komme mit den Einhand-Bedingungen klar, schlafe wenn ich müde bin stets 20 bis 30 Minuten, zunehmend oft tagsüber. Das Bootshandling ist relativ problemlos.

Vor 3 Tagen. 
Am frühen Nachmittag frischt es auf. Ich muss den Gennaker, ein ca. 80qm großes Vorwindsegel, auf einem Furler* gefahren, einrollen.
Plötzlich hängt der Bugspriet** irgendwie schief.
Die Aluminiumlaschen der Bugsprietbefestigung am Boot (dem vorderen Aluminiumbeam) sind nacheinander abgerissen. Das Vorliek des Gennakers beult nach Lee aus, schlägt stark und lässt es nicht zu, das Segel einzurollen.
Der Bugsprit schlägt jetzt auch und laut gegen den Beam/ das Boot.
Warum muss das jetzt, hier, mitten im Nirgendwo = am Bermudadreieck, passieren?
 
Es besteht die Gefahr, dass der Gennaker durch das Schlagen den Radar, welcher in ca. 5m Höhe an der Vorderkante des Mastes befestigt ist, abreisst.
Ich muss also sofort den Gennaker bergen und das Boot darf dabei zumindest anfangs nicht in den Wind drehen. Ich falle also etwas ab.
Dann, zurück auf dem Vorschiff, lasse ich das Fall Stück für Stück, im Wechsel mit dem "Einsammeln" des Segeltuchs, nach. Der zunehmende Wind vereitelt dies. 
Schon liegt der Gennaker t.w. im Wasser, unter den Rümpfen und läuft Gefahr, sich in den Saildrives (/Schiffsschrauben) zu verfangen. Nur Sekunden später schwimmt er gänzlich im Atlantik.
Aha. Eine Steigerung.
Jetzt kann ich Bugspriet UND Gennaker verlieren UND die Motoren sind gefährdet.

Aber das Radar ist jetzt außer Gefahr. Immerhin.
Ich bin die ganze Zeit in Lifelines eingehakt und trotz dessen nicht amused.

Jetzt versuche ich beizudrehen, Fahrt aus dem Boot zu nehmen. 
Es gelingt mir nicht, den Gennaker aus dem Wasser zu ziehen. Nicht mal mit einer Winsch. 
Zumindest ist er jetzt wieder nach Lee gedriftet, hat aber mit dem Fall die Badeleiter und einen Teil der Reling verbogen.
Ich entscheide, den Gennaker aufzugeben (es ist noch ein ähnliches, aber größeres Segel an Bord und ich bin offenbar ohnehin nicht in der Lage, hier noch mehr "heraus"zuholen).
Doch vorher sichere ich den Bugspriet, nachdem ich die Schoten abgeschlagen habe.
Dann schneide ich das Auge im Kopf (ja so heißt das) des Gennakers heraus, um auch noch das Fall samt Block etc. zu sichern.
Sofort versinkt der Gennaker im Atlantik. Hier ist es etwa 5000m tief.
Ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen. 

Jetzt muss ich endlich das Großsegel reffen. Der Wind hat, ohne Rücksicht, weiter zugenommen.

Vor 2 Tagen.
Der Wind hat noch gestern Abend wieder nachgelassen und ist nun fast ganz eingeschlafen.
Ich müsste jetzt den großen Gennaker (sehr modern, die Franzosen sagen Code-D) setzen, was jedoch nicht geht, da der Bugspriet mit starken Verletzungen auf dem Vorschiff festgebunden ist.
Also daddel ich mit 3 bis 6 Knoten dahin. 
Wenn gar nichts mehr geht, fahre ich einen Motor, um die Vormittagsankunft auf Bermuda abzusichern.

Heute Morgen.
Es ist noch dunkel. Gegen 5 Uhr funkt mich Bermuda Radio an.
Sehr korrekt und stets freundlich (copy that ... copy that) lassen sie sich alle Angaben durchgeben.
Sie fragen auch nach Tieren, Drogen und Waffen an Bord.
Dann weisen Sie mir eine Position vor der Inseleinfahrt samt Ankunftszeit zu.
Von dort wird es noch ca. 1 Stunde dauern und ich habe wieder Land unter den Füssen.

Die Landkrankheit ist schon nach ca. 2 Stunden abgeklungen.
Aber die Flaute und damit die (für das erste Mal) sehr lange Überfahrt haben an mir und meiner Moral genagt. Die Bugspriethavarie war auch beteiligt.
Ich finde keine Motivation, das Boot auf der nun vor mir liegenden, doppelt so langen, Strecke zu den Azoren zu segeln. Gut, dass die Wetterbedingungen gegen einen direkten Kurs dorthin sprachen.
Das soll jemand anders machen.
Ich kann nicht mehr.


* Vorstag/ Vorderkante des Vorsegels, welche mittels Rolle und Endlosleine gedreht und das Segel so um das Vorliek wickeln kann.
** A-förmiger Aluminiumrahmen am Bug für große Vorwindsegel mit freier Anströmung, an dessen vorderem Ende der Furler befestigt ist.
















2 Kommentare:

  1. Ich will Stefan besuchen und habe mir Flüge nach Bermudas heraus gesucht. Stefan lehnt ab. Also baue ich ihn über facetime auf. Gutes Essen und Schlaf tun ihr Übriges. So geht es ihm bald besser, wir telefonieren täglich und so bleibe ich auf dem Laufenden. Von den Delfinen und fliegenden Fischen hat er gar nichts geschrieben.

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  2. Krasse Story. Das Bermuda Dreieck birgt wohl für jeden seine Überraschungen

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